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Eine geheime Liebe mit viel Potenzial

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Das Sportland Österreich bestaunt wie jeden Winter mit regem Interesse junge Frauen und Männer, die mit Latten unter ihren Füßen einen Abhang hinunterschwingen und dabei um Hundertstelsekunden fighten. Abseits der meisten heimischen Medien gibt es jedoch auch junge österreichische Sportlerinnen und Sportler, die auf dem Eis mit vollem Körpereinsatz, Kufe an Kufe mit dem Gegner, sogar um Tausendstelsekunden kämpfen.

Ein Gastbericht von Daniel Wolfgruber

So war das auch am zweiten Novemberwochenende in der kanadischen Metropole Montreal, wo sich die internationale Short Track-Elite die Ehre gab. Darunter auch ein kleines Team aus Österreich, bestehend aus drei jungen, ehrgeizigen Männern und einem arrivierten Trainer aus Bulgarien, der vor vier Jahren das junge österreichische Team unter seine Fittiche genommen hat, um es der weltweiten Spitze näherzubringen.

Am dritten und letzten Wettkampftag, trudeln gegen 8:30 Uhr die Athletinnen und Athleten und ihr Betreuerstab nach und nach im altehrwürdige Maurice-Richard Arena im Olympiapark ein. Ein freundliches "Bonjour" folgt dem anderen, während man sich durch die engen Gänge der Arena schlängelt. Viele junge Gesichter bereiten sich hochkonzentriert, aber mit erkennbarer Vorfreude auf die bevorstehenden Wettkämpfe vor. Genauer gesagt bereitet man sich in den Morgenstunden auf die Hoffnungsläufe vor, also jene Rennen, die es zu gewinnen gilt, wenn man es schlussendlich doch noch auf die Podestplätze schaffen will. Zu den Favoriten zählen die drei jungen Österreicher nicht, aber überraschen können sie. So wie Nico Andermann eine Woche zuvor in Salt Lake City, als er im 500 Meter Rennen einen neuen österreichischen Rekord aufstellte und es damit unter die Top 20 schaffte hat. Dominic Andermann, sein älterer Bruder, und Matthias Wolfgang komplettieren das rot-weiß-rote Weltcupteam.

Nach einer intensiven Aufwärmphase und einer Besprechung mit Trainer Ivan Pandov, geht es für die drei jungen Short Tracker dann endlich los. Trotz guter Leistungen wurde es leider nichts mit der einen oder anderen Sensation. Die Hoffnungsläufe über 500 bzw. 1000 Meter waren die Endstation für das österreichische Team. Obwohl die Jungs mit ihren Leistungen an diesem Tag nicht gänzlich zufrieden waren, war das Resümee der zwei Nordamerika-Aufenthalte insgesamt ein positives, wenn man sich die Rahmenbedingungen in Österreich, im Vergleich mit den Top-Nationen wie Südkorea, China oder Kanada vor Augen hält. "Das Geld fehlt einfach", erklärt Trainer Pandov, der seine Schützlinge zumeist aus seiner Heimatstadt Sofia betreut. "Ich würde gerne in Wien leben, aber das ist aufgrund der finanziellen Rahmenbedingungen in Österreich nicht zu bewerkstelligen", erklärt der 62-jährige Bulgare, dessen Sohn das italienische Herrenteam erfolgreich trainiert.

Nachdem das österreichische Short Track-Trio seinen Arbeitstag beendet und zu Mittag gegessen hat, werden mit dem Trainer bereits erste Pläne für ein kurzes Trainingscamp in Italien geschmiedet. Die Burschen freuen sich immer wieder auf die Trainingscamps, die fast ausschließlich in Bulgarien und Italien stattfinden, weil sie da jeden Tag "Eiszeiten" haben, was in Wien nicht möglich ist, da es die gegebene Infrastruktur nicht zulässt. "Wir können nur zweimal in der Woche aufs Eis. Das ist einfach zu wenig, um international mitzuhalten", erklärt Matthias Wolfgang, der Chemie an der Universität Wien studiert. Nico (20), der dem Heeressportverband angehört und sich dadurch etwas mehr auf den Sport konzentrieren kann, ergänzt, dass es für das kleine österreichische Team einfach schwieriger ist auf dem internationalen Topniveau mitzuhalten, wenn man zumeist mit wöchentlichen Trainingsplänen aus Sofia arbeiten muss, ohne dass der Trainer einem regelmäßig auf die Kufen schauen und individuelle Anpassungen vornehmen kann. "Wir werden bei den intensiven Trainingscamps im Sommer kontinuierlich schneller, weil wir da mit dem Trainer fast täglich auf dem Eis stehen. Aber danach merken wir schon, dass wir wieder etwas langsamer werden, weil wir wieder ein bisschen das Eisgefühl verlieren", fügt Dominic (22) hinzu, der Wirtschaftsrecht an der WU Wien studiert und eine Olympiateilnahme im Jahr 2022 als großen sportlichen Traum vor Augen hat.

Warum Short Track in Österreich nur ein Randsport mit wenig medialer Präsenz ist, kann das Trio nach wie vor nicht wirklich nachvollziehen, handelt es sich doch um einen schnellen, spektakulären Sport. "Das Rennfahren gegeneinander und der intensive Fight in jeder Kurve taugt mir irrsinnig und ist sicher auch für die Zuseher sehr spannend", erklärt Nico, der hofft, dass sein Vertrag beim Bundesheer verlängert wird. Dominic pflichtet seinem jüngeren Bruder bei und hebt auch die Unberechenbarkeit jeden Rennens hervor, da in der Hitze des Gefechts jede Kurve die Endstation für die Athletinnen und Athleten sein kann. Obwohl alle drei Short Tracker die mittel- bis langfristige berufliche Zukunft immer im Blick haben, kann sich Matthias durchaus vorstellen, das Studium ein Jahr lang zu pausieren, sollte er durch mehr Eiszeiten merklich schneller werden. Weiter erklärt er, dass unter den gegebenen Umständen, das Studium jedoch Vorrang hat, "aber aufzuhören ist derzeit schon ein sehr abstrakter Gedanke, weil mir der Sport einfach so viel Spaß macht."

Ein wenig Sorgen machen sich die Jungs auch über den Nachwuchs, der derzeit überschaubar ist. Dominic ist sich sicher, dass Werbung für den Sport über das gesamte Jahr, mehr Kinder dazu bringen würde Short Track auszuprobieren und fügt hinzu, dass das Ferienspiel zwar ein guter Anfang sei, "aber wir brauchen mehr über das ganze Jahr hinweg, damit dieser tolle Sport nicht irgendwann ausstirbt in Österreich."

Das gesamte Team, inklusive Trainerlegende Pandov, ist sich sicher, dass mehr Sponsoren und mediale Präsenz dieser Sportart helfen können hierzulande professioneller und populärer zu werden. Trotz des Umstands, dass es keiner der österreichischen Athleten in die finalen Runden um die Medaillen geschafft hat, freuen sie sich auf den Nachmittag des Wettkampfs in Montreal, den sie von der Tribüne aus verfolgen und dabei das Flair des Weltcups genießen. Es ist eine Art kleines Trostpflaster, wenn man bedenkt wie viel das kleine österreichische Team in diesen Sport investiert – neben Studium und Beruf und trotz suboptimaler Rahmenbedingungen. Während das kanadische Publikum seine Heldinnen und Helden auf zwei Kufen feiert, hoffen die Jungs auf ähnliche Erlebnisse in der Zukunft in Österreich.

05.01.2020 11:39

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